Ein durchgängiges System für den gesamten Workflow
"Verkehr und Technik" sprach mit Franz Seiser, Holding-Vorstand der ÖBB, über Zukunft, Kosten und Nutzen des europaweit einzigartigen integrierten Produktionssystems im Geschäftsbereich Personenverkehr.
V+T: Herr Seiser, die ÖBB hat im Personenverkehr ein integriertes Produktionssystem
eingeführt - wie kam es dazu?
Frank Seiser: Im Jahr 2003 wurde der ÖBB-Geschäftsbereich Personenverkehr in die PV AG umgewandelt. Diese Transformation impliziert für uns auch den Auftrag des Eigentümers, in Zukunft als ein modernes Unternehmen zu agieren - also kostengünstig und effizient. Dafür haben wir unsere Strukturen und Prozesse evaluiert und adaptiert und zugleich nach einem
leistungsstarken Werkzeug für unsere neuen Herausforderungen gesucht.
V+ T: Mit welchem Anforderungsprofil?
Seiser: Die ab diesem Zeitpunkt wirtschaftlich getrennten Leistungserbringer Traktion, Vorschub und Technische Services sollten in einem integrierten System abgebildet und eine wirksame Kontrolle von Kosten und Leistungen aufgebaut werden.
V+T: Haben Sie diese Lösung selbst programmiert?
Seiser: Nein, das modular aufgebaute System stammt aus dem renommierten Softwarehaus COS und trägt den Namen COSware. Mit Referenzkunden wie Coca Cola oder dem Frankfurter Flughafen ist COS ein Big Player im Bereich der Logistiksoftware. Auch bei den ÖBB hat COSware bereits eine lange Tradition. Der ehemalige Bahnbus hat die Software für die Werkstättenverwaltung jahrelang erfolgreich eingesetzt.
V+T: Welche Bereiche wurden denn durch COSware integriert?
Seiser: Die einzelnen System-Elemente umfassen die Funktionen Fuhrparkverwaltung und einsatz, das Abweichungsmanagement sowie den Bereich Kundenbeziehungen und informationen. Module für die Fuhrparkabrechnungen und Vorsysteme der Linienerfolgsrechnung sowie der Berechnung gemeinwirtschaftlicher Leistungen für Verkehrsdienstverträge runden das System ab.
V+T: Haben Sie Ihre Ziele erreicht?
Seiser: Ziel war, die Produktionskosten zu senken und transparent zu machen. Dies ist uns gelungen. Mit dem operativen Flottenmanagement liegen alle Fuhrparkkompetenzen
in einer Hand. Unsere Wageneinsatzleiter sind Allrounder, die von Instandhaltungsaufgaben,
Fuhrparkdisposition bis zur Zugvorbereitung alles machen. Selbst die Qualitäts- und Kostenkontrolle wird durch diese Mitarbeitergruppe durchgeführt. Früher waren in diese Prozesse vier verschiedene Teilbereiche der ÖBB involviert, nun ist es nur noch einer. Das
ist eindeutig eine Verbesserung. Mit der systemgestützten Planung konnte aber auch der Fahrzeugbedarf gesenkt werden. Im Gegenzug konnte die Effizienz bei der Instandhaltungsplanung gesteigert werden. Die Fahrzeugdurchlaufzeiten in den
Werkstätten sind durch abgestimmte Prozesse auf beiden Seiten kürzer geworden. Selbst die Qualität der Reparaturen hat sich verbessert.
Integriertes Produktionssystem
V+T: Gibt es ähnliche Systeme in Europa?
Seiser: Die PV AG hat im Jahr 2010 ein umfassendes Marktscreening durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war in Europa kein vergleichbares System auf dem Markt und soweit wir informiert sind, gibt es bis heute keines.
V+T: Was ist der Unterschied zu anderen europäischen Eisenbahnverkehrsunternehmen?
Seiser: COSware begleitet und unterstützt die einzelnen Produktionsprozesse der PV AG in ihrer Gesamtheit. Damit erklärt sich auch der Begriff "Integriertes Produktionssystem".
Uns war in diesem Zusammenhang wichtig, für das ausführende Personal direkt am und beim Zug Arbeitserleichterungen zu schaffen. Und wir wollten weg von Insellösungen hin zu einer Gesamtlösung ohne Systembrüche.
V+ T: Können Sie uns ein konkretes Anwendungsbeispiel geben?
Seiser: Sehen wir uns den Gruppenreservierungsprozesses an: Der Kundenberater
erfasst die Daten der Gruppenreise im System COSware. Er kann sofort den Reservierungsantrag für die Kunden ausdrucken oder an sie versenden. Über ein elektronisches Genehmigungsverfahren behandelt die zuständige Gruppenreservierungsstelle den Antrag weiter. Diese evaluiert die möglichen betrieblichen Maßnahmen wie etwa die notwendige Verstärkung von Triebwagen oder Reisezugwagen.
V+T: Was passiert anschließend?
Seiser: Als nächster Schritt im elektronischen Workflow geht die Verstärkungsanforderung an die zuständige Produktionsplanung. Dort wird eine Checkliste abgearbeitet. Diese enthält konkrete Fragen zum Zusatzfahrzeug: Ist es bereits geplant? Ist es in der Fahrzeug-Disposition ersichtlich? Kann durch es die Wageneinsatzleitung disponiert werden? Am Ende unseres Prozesses drucken die Reservierungsmitarbeiter die fertigen Reservierungszettel mithilfe der COSware aus und bringen diese Reservierungsinformation im bestellten
Fahrzeug an. Im Anschluss stehen sie bereit, um die Kunden zu ihren reservierten Plätzen zu begleiten. Das passiert alles in einem System. Es gibt dazwischen keine Systembrüche mehr. Alle Informationswege werden über und aus COSware heraus generiert.
V+T: Welche Schnittstellen gibt es zu anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen?
Seiser: Für die anderen EVUs ist die elektronische Übermittlung der Zugbildung der ÖBB Reisezüge samt Zugpapieren sicher das interessanteste Produkt. Über einen zukünftigen elektronischen Datenaustausch haben wir bereits Vereinbarungen mit Tschechien (CD) und der slowakischen Bahn (ZSSK) getroffen. Auch die DB AG zeigt Interesse, Zugbildedaten auf diesem Weg auszutauschen. Im Gegenzug ist es für die PV AG auch interessant, das neue System anderen europäischen Eisenbahnverkehrsunternehmen zur Verfügung zu stellen.
V+ T: Wie viele Anwender benutzen denn inzwischen das System?
Seiser: Rund 350 Anwender aus allen Produktionsbereichen der ÖBB-PV AG nutzen das integrierte Produktionssystem. Hinzu kommen noch einige externe Anwender aus anderen Konzerngesellschaften der ÖBB.
V+T: Apropos: Was gibt es denn für Schnittstellen zu kundennahen Systemen der ÖBB?
Seiser: Dieser Punkt ist für ein "Produktionssystem" wohl einzigartig - und aus unserer Perspektive auch besonders wichtig. Wir haben solche Anknüpfungspunkte zu den Vertriebs- und Kundeninformationssystemen implementiert.
V+ T: Welchen Nutzen bringt das?
Seiser: Damit werden wir in Zukunft die Zugbildedaten in das neue Vertriebssystem "ticket4all" exportieren. Hier fungiert es als funktionelle Grundlage für weitere Kapazitätsberechnungen und für ein grafisches Tool für die Sitzplatzreservierung. Bereits heute funktioniert die Sitzplatzreservierung im Railjet wie im Kino. Einfach via Internet den gewünschten Platz auf einer graphischen Darstellung des Waggons aussuchen und anschließend buchen. Die Informationen über den Waggon kommen direkt aus unserem Produktionssystem. Für Reisende mit einer Mobilitätseinschränkung liefert COSware zudem die Ist-Daten über Züge mit behindertengerechten Einrichtungen an die Fahrplanauskunft.
V+T: Gibt es noch weitere Beispiele?
Seiser: Im Laufe dieses Jahres wird auch die Verkehrsleitstelle auf COSware umgestellt. Dann werden die Informationen über Planungen bei Betriebseinschränkungen, wie z.B. Schienenersatzverkehr oder Zugausfälle, direkt an das Störungsinformationssystem geliefert. Dort stehen die Informationen dann unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie unseren Kunden zur Verfügung. Nicht zuletzt stecken hinter jeder Anzeige einer Zugbildungsinformation in ganz Österreich Daten aus der COSware - sei es nun auf Monitoren, Papierausdrucken oder bei Daten im Internet.
V+T: Wird ihr System auch zur Leistungsabrechnung verwendet?
Seiser: Wir verwenden die COSware als Vorsystem für die Linienerfolgsrechnung. Zukünftig wird es als Datenbasis für die Berechnung gemeinwirtschaftlicher Leistungen dienen. Ein Thema, das in Österreich gerade sehr stark diskutiert wird. Da alle Leistungen der PV AG im System gespeichert sind, können wir die Verwendung öffentlicher Mittel transparent darstellen - ein durchaus konstruktiver Beitrag in dieser Diskussion. Für unsere externen Dienstleister, wie etwa Reinigungsfirmen, verwenden wir unser Produktionssystem zur Leistungsabrechnung, in dem alle Planungen wie auch Ist-Werte erfasst sind.
V+T: Wollen Sie das System auch auf andere Bereiche ausdehnen?
Seiser: Ja, in diesem Jahr kommen das Schadensmanagement des PV-Rechtsdienstes und die Konzernsicherheit dazu. Diese Bereiche erfüllen eigentlich keine direkten Produktionsfunktionen. Die Verknüpfung ist aber durch die Vielzahl an gemeinsamen
Datenquellen und ähnlicher Abläufe ein logischer und effizienter Schritt.
V+ T: Wie passt das System denn in die gesamte IT-Strategie des ÖBB Konzerns?
Seiser: Selbstverständlich wurde vorab abgeklärt, ob die COSware mit der IT-Strategie
des ÖBB Konzerns kompatibel ist. In Sachen Mehrsprachigkeit oder Mandantenfähigkeit gibt es keine Probleme. Dennoch wird das System bis jetzt nur innerhalb des
Personenverkehrs eingesetzt.
V+ T: Wie ist die Lösung in die Systemlandschaft eingebettet?
Seiser: Es gibt etwa 20 Schnittstellen, die Daten aus unserem System oder in unser System liefern. Wir bedienen mittlerweile den gesamten Personenverkehrsbereich, von Vertriebssystemen über Kundeninformationssystemen mit unseren Daten. Auch die betrieblichen Systeme und Kundeninformationssysteme des Infrastrukturbetreibers und ebenso jene unseres Traktionsdienstleisters erhalten diverse Informationen von uns.
V+T: Ziehen Sie zum Schluss bitte eine Bilanz: Rechnet sich das System?
Seiser: Das Projekt ReM (Reisezugwagenmanagement), in dem die komplette Entwicklung des Integrierten Produktionssystems COSware eingebettet ist, wurde 2003 gestartet. Der erste Teil der Software wurde 2004 in Betrieb genommen. Seit diesem Zeitpunkt gibt' es eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Projektkosten liegen bei rund 3,2 Mio. €. Was uns aber besonders stolz macht: Wenn das Projekt im Laufe diese Jahre abgeschlossen wird, hat es keine Kostenüberschreitung gegeben - eine Seltenheit für ein IT-Projekt dieser Größe. Auch die Wirtschaftlichkeit wurde bereits mehrmals evaluiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das System hat sich bereits 2007, also schon drei Jahre nach dem Start, voll amortisiert.
V+T: Herr Seiser, vielen Dank für das Gespräch.
Verkehr und Technik 2011 Heft 6